Cirque Gourmet 29

Sie haben das einmal mit der Aussage beklagt, nicht immer im Kostümchen stecken zu wollen. Nicole Beutler: Richtig. Aber seit ich die Netflix-Serie »The Serpent« in England gedreht habe, ändert sich das. Ich habe da zwar auch eine elegante Frau gespielt, eine Diamantenhändlerin, von der man aber nicht weiß, ob die jetzt gut oder böse ist. Seither bekomme ich sehr viele Castings in England, die ganz weit weg sind von der Kostümchen-Schublade. Das geht bis hin zur Nonne mit Nickelbrille, und auf diese Idee würde man hierzulande für mich nicht so schnell kommen. Mich freut das aber sehr, denn das sind die Figuren, die mich besonders interessieren. Das muss Sie ja gleich doppelt erfreuen, weil Sie als frankophile Wienerin eine ganz starke Affinität zu England haben und dort sogar einmal dauerhaft leben möchten. Woher kommt das? Nicole Beutler: Die Liebe zu England war schon da, als ich noch ein Teenager war, und ich wollte in London auch Tanz und Schauspiel studieren, aber das war für mich nicht leistbar. Wenn Sie fragen woher das kommt: Es sind die Engländer, dieses Völkchen, die Menschen, die im Unterschied zum Beispiel zu den Wienern unfassbar freundlich, offen und hilfsbereit sind. Dann zählt die englische Landschaft für mich zum Schönsten, das es gibt. Ich kann in Gummistiefeln mit dem Hund stundenlang über die Felder spazieren und liebe es, alte Schlösser zu besichtigen. Für mich ist es eine Freude, durch ein englisches Dorf zu spazieren, da findest du kaum ein hässliches Haus. Die Engländer haben einen exzellenten Geschmack, verbunden mit diesen altenglischen Traditionen. Das mag ich so, davon fühle ich mich angezogen. Ich bin eine Ästhetin. Beim Wohnen und überhaupt. Sie begehen 2025 Ihr 35-jähriges Jubiläum als Schauspielerin, und Ihre Visitenkarte spielt im Sinn des Wortes alle Stückln. Da ist vom »Bergdoktor« bis zum internationalen Film »Klimt« und einer Rolle beim »Jedermann« in Salzburg alles dabei. Nun wäre es in der Musik undenkbar, dass jemand im Jänner eine Sinfonie schreibt und im Herbst ein Schlageralbum herausbringt. Wie gelingt Ihnen als Schauspielerin der Spagat zwischen wenig tiefgängiger Unterhaltung und ernstem Fach? Nicole Beutler: Weil ich beides mit dem gleichen Respekt mache. Mir macht das großen Spaß, weil ich mich nie festlegen lassen wollte und immer zwischen E und U geswitcht bin. Früher war das nicht ganz so einfach, da rümpften sie am Theater noch die Nase und sagten: »Die macht ja auch Serie«. Heute sind diese Kolleg:innen froh, wenn sie selbst auch drehen können. Vor allem, seit die Streamingdienste wie Amazon, Netflix oder Apple dazugekommen sind mit ihren unzähligen neuen Serien- und Spielfilmstoffen. Da bist du plötzlich als Schauspieler:in auch in der Achtung der Theaterkollegen gestiegen, wenn du da drin warst. Ich kann nur sagen: Ich habe »Schlosshotel Orth« genauso gern gemacht wie ich heute auf dem Domplatz auf der JedermannBühne stehe und Teil der Salzburger Festspiele bin. Sie sind als Schauspielerin eine populäre Person, die erkannt und angesprochen wird. Macht einen das souveräner, wenn man bei der Arbeit so wie Sie dann einmal selbst auf absolute Weltstars wie John Malkovich oder Catherine Deneuve trifft? Wie begegnet man so jemandem am Set, auch wenn man selbst aus demselben Metier kommt? Nicole Beutler: Bei Catherine Deneuve, einer lebenden Legende und für mich immer noch eine der schönsten Frauen der Welt, habe ich vor dem Dreh schon darüber nachgedacht, wie ich ihr begegnen soll. Aber einen Tag vor unserem Aufeinandertreffen sagte ich mir dann: Ich versuche jetzt, ganz ich selbst zu sein und schaue einfach, wie sie ist – freundlich oder zurückhaltend. Und sie war wahnsinnig freundlich und wie alle wirklich Großen froh darüber, ganz normal behandelt zu werden. Die wollen niemanden, der um sie herumscharwenzelt. Sie treten seit vielen Jahren mit dem einst für Michael Heltau zusammengestellten Ensemble »Die Wiener Theatermusiker« auch als Chansonnière auf – unter anderem bei Hermann Döllerers Gollinger Festspielen. Was ist für Sie der Unterschied zwischen Theater- und Musikbühne? Nicole Beutler: Musik ist die Königsklasse, das ist auf der Bühne das Höchste. Ich habe jeden Abend höchsten Respekt, bevor ich auf die Bühne gehe und Chansons singe – und auch großes Lampenfieber, das ich sonst nicht habe. Weil die Musik spielt weiter. Wenn ich einen Fehler mache, spielt die Musik weiter. Das ist so ein Kick, so ein unbeschreibliches Gefühl, denn die Ebene, die die Musik mitbringt, die trägt einen noch einmal ganz anders, als das beim Sprechtheater der Fall ist. Ihre bisherige Filmographie ist schon sehr beeindruckend. Wenn Sie nachträglich eine weibliche Hauptrolle einfügen dürften, die sie wirklich gern gespielt hätten – welche wäre das? Nicole Beutler: Die Rolle der englischen Königin Elisabeth I. Diese Frau hat mich schon als Teenager fasziniert. Cate Blanchet hat das in »Elizabeth« von Shehkar Kapur sehr gut verkörpert. Ich nehme an, Elisabeth I. würde auch zu jener erlesenen fiktiven Tischgesellschaft gehören, wenn ich sage, Sie dürfen vier Persönlichkeiten aus Geschichte oder Gegenwart einladen, um Sie mit Ihrem Mann bei sich zuhause zu bekochen? Nicole Beutler: Selbstverständlich. Und zwar an der Seite von Steven Moffat und Mark Gatiss, den beiden Autoren der Serie »Sherlock«. Das zählt für mich zum Besten, das je produziert wurde und ist intellektuell so durchgeknallt, dass man manche Folgen drei-, viermal anschauen und immer wieder etwas Neues entdecken kann. Da wären jetzt drei Plätze belegt – mit lauter Engländern, komisch (lacht). Dann setzen wir noch Daniel Auteuil dazu, einen meiner Lieblingsschauspieler, den ich sehr gern wieder einmal treffen würde. 31 Cirque Gourmet 2025

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